Friedensnoten
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Aus Angst vor dem Dunkeln
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Aus Angst vor dem Dunkeln

„Ein bisschen Frieden“, Nicoles Siegerlied zum Eurovision Song Contest 1982, ist „naiv“ in einem positiven Sinn — denn die Hoffnung zu verlieren, ist auch keine Lösung.

Wenn Menschen in Deutschland gefragt werden, welche Friedenslieder sie kennen, wird vielen spontan dieses einfallen. Sie werden es aber vielleicht nicht zugeben, denn das ist ja nur eine Schnulze. Das Lied von Ralph Siegel und Bernd Meinunger hat jedoch nicht nur einen ernsten Hintergrund, es ist auch eine Reminiszenz an eine Zeit, in der „Frieden“ überwiegend noch ein positiv besetztes Wort gewesen ist. Heute würde man Sängerin Nicole wohl vorwerfen, eine lumpenpazifistische Agentin Putins zu sein.

Dabei fing „Ein bisschen Frieden“ die bedrohliche Atmosphäre eines vielleicht nahe bevorstehenden Unheils sehr gut ein. Und das „lyrische Ich“ gab sich wohltuend realistisch und bescheiden. Während so mancher harte Rockmusiker den Eindruck erweckte, sein Friedenslied würde die Mächtigen der Erde gewiss erzittern lassen, heißt es bei Nicole schlicht: „Ich weiß, meine Lieder, die ändern nicht viel. Ich bin nur ein Mädchen, das sagt, was es fühlt.“

Erschienen
3. Juni 2023
Lesezeit
ca. 8 Min.
Song
Ein bisschen Frieden
Interpret
Nicole
Album
Ein bißchen Frieden, 1982

Die für Deutschland ins Rennen geschickte Dark-Rock-Band „Lord of the Lost“ sang beim diesjährigen Eurovision Song Contest über „Blood & Glitter“, über „Blut und Glitzer“ – und landete damit auf dem letzten Platz. Kein Wunder. Man wird sich schwerlich erwärmen können an Songzeilen wie Wir sind so froh, dass wir sterben könnten. Und: Jetzt geh, geh, lass dein Blut fließen. Was nur soll diese Botschaft? Wozu?

Zurückgespult ins Jahr 1982. Damals, am 24. April, beim Grand Prix Eurovision de la Chanson im englischen Harrogate, sang die deutsche Interpretin Nicole von Frieden – und landete mit einem haushohen Vorsprung auf dem ersten Platz. Ihr Lied „Ein bisschen Frieden“ erhielt aus jedem Land Punkte, nur nicht aus Luxemburg; neun Länder gaben die Höchstpunktzahl, darunter auch Israel, was zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls außergewöhnlich war. Einige Monate später sang Nicole übrigens in Israel die englische Version ihres Siegertitels, „A little Peace“, auf einem geschlossenen Kasernengelände bei Tel Aviv – vor ausschließlich israelischen Soldaten als Publikum.

Es war der erste ESC-Gewinn für Deutschland überhaupt. Die insgesamt 161 Punkte – von 204 möglichen – waren bis 1997 Rekord in der Geschichte des Wettbewerbes. Es kommt also bei vielen Menschen gut an, wenn sich Deutschland für Völkerverständigung einsetzt. Wäre es nicht an der Zeit, sich daran zu erinnern? Jetzt, im Taumel des Krieges. Jetzt, da euphorisch das Schwere-Waffen-Mantra angestimmt wird und Killermaschinen glorifiziert werden, die bis zu zehn Granaten pro Minute abfeuern.

Nicole verkörperte diese vom Aussterben bedrohte Gutgläubigkeit im besten Sinne. Sie war 17 Jahre alt, als sie für die Bundesrepublik antrat. Weiße Gitarre, weißer Kragen, auf ihrem schwarzen Kleid funkelten Glitzerapplikationen. Die blonden Haare engelsgleich geföhnt, kaum Schminke. Eine Aura der Unschuld, ein kindlich wirkender Teenager. Keine Spezialeffekte, eine Harfenistin spielte im Hintergrund, die anderen Musiker trugen weiße Anzüge. Der Mann am Klavier war Ralph Siegel, der Komponist von „Ein bisschen Frieden“.

Das Lied beginnt mit dem Unbehagen eines Mädchens, das stellvertretend steht für all die, die sensibel genug sind, Entwicklungen wahrzunehmen, die unheilvoll sind. Das Mädchen fühlt sich bedroht und verlassen in einer kalt gewordenen Welt. Niemand ist da, der es beschützt, niemand, der es in den Arm nimmt.

Wie eine Blume am Winterbeginn
Und so wie ein Feuer im eisigen Wind
Wie eine Puppe, die keiner mehr mag
Fühl‘ ich mich an manchem Tag
Dann seh’ ich die Wolken, die über uns sind
Und höre die Schreie der Vögel im Wind
Ich singe aus Angst vor dem Dunkeln ein Lied
Und hoffe, dass nichts geschieht

Ein Mädchen ist einer Weltuntergangsstimmung ausgeliefert. Das hört sich ziemlich vertraut an. Auch heutzutage taumelt man von einem apokalyptischen Szenario ins nächste, getreu dem Motto Unsere tägliche Katastrophe gib uns heute. Die daueralarmierten Klimakleber haben das drohende Ende der Welt allerdings nicht erfunden, und auch nicht die Zeugen Jehovas. In den 80er-Jahren sorgten die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, das Ozonloch und das Waldsterben für eine hohe Dosis German Angst. Auch mögliche und tatsächliche Kriege waren Dauerthema; die Friedensbewegung mit ihren Protesten gegen den NATO-Doppelbeschluss war omnipräsent.

Im März 1982, also wenige Wochen vor Nicoles Auftritt beim ESC, zeichnete sich bereits der Falklandkrieg ab. Am Tag nach der Austragung des Wettbewerbs sollte der erste britische Flottenverband im Südatlantik eintreffen, um die kurz zuvor von Argentinien besetzten Falklandinseln zurückzuerobern. Das freilich konnten Ralph Siegel und der für den Text verantwortliche Bernd Meinunger nicht voraussehen.

Meinunger war dafür erstmal wenig zu begeistern. Er habe, wie er später erzählte, wenn überhaupt „höchstens ein bisschen Frieden“ thematisieren wollen. Und genau das geschah; damit war der Titel gefunden.

„Ein bisschen Frieden, ein bisschen Sonne
für diese Erde, auf der wir wohnen.
Ein bisschen Frieden, ein bisschen Freude,
ein bisschen Wärme, das wünsch’ ich mir.
Ein bisschen Frieden, ein bisschen träumen
und dass die Menschen nicht so oft weinen.
Ein bisschen Frieden, ein bisschen Liebe,
dass ich die Hoffnung nie mehr verlier‘.

Ich weiß, meine Lieder, die ändern nicht viel.
Ich bin nur ein Mädchen, das sagt, was es fühlt.
Allein bin ich hilflos, ein Vogel im Wind,der spürt, dass der Sturm beginnt.

Ein bisschen Frieden, ein bisschen Sonne
für diese Erde, auf der wir wohnen.
Ein bisschen Frieden, ein bisschen Freude,
ein bisschen Wärme, das wünsch ich mir.
Ein bisschen Frieden, ein bisschen träumen
und dass die Menschen nicht so oft weinen.
Ein bisschen Frieden, ein bisschen Liebe,
dass ich die Hoffnung nie mehr verlier‘“

Wer wagt es noch, zu träumen? Und wer wagt es, den Träumen zu vertrauen? Vielleicht haben wir ohnehin keine andere Wahl. Die herrschenden Debatten erschöpfen, trennen, schmerzen. Die gesellschaftliche Kampfzone ist derart ausgeweitet, dass es im Grunde nur noch Verlierer gibt. Ganz zu schweigen von den Grausamkeiten und Höllen auf den Schlachtfeldern. Nur jemand, der heraustritt mit einer Sehnsucht, mit einer Hoffnung, und sei sie noch so winzig, kann herausleuchten aus all dem Dunkel.

Allein: Ändert das was? Ändert das genug? Bin ich überhaupt wichtig? Was kann ich schon tun? Jeder kennt die Unsicherheit, die einen Aufbruch mit ungewissem Ausgang begleitet. Will man wirklich losgehen, wenn nicht gesichert ist, dass es sich lohnt? Steht ein Kampf mit Windmühlen bevor? Ist längst alles verloren? Soll man sich im Nihilismus begraben? Oder der Dystopie zuwarten?

Das singende Mädchen gesteht sich die eigene Ohnmacht ein. Wer kann das noch in einer Gesellschaft, die glaubt, für alles eine Lösung zu haben?

Der um sich greifende Narzissmus gesteht diese Schwäche nicht zu, denn sie kratzt am übersteigerten Selbstbild. Und doch kennen wir alle das Gefühl, nichts bewirken zu können, ausgeliefert zu sein.

Das singende Mädchen scheint sich keine Illusionen zu machen. Es stellt unverblümt fest: Ich weiß, meine Lieder, die ändern nicht viel. Trotzdem: Es singt. Um genau dieses Trotzdem geht es. Vielleicht hat das, was man tut, keinen Sinn. Trotzdem, man tut es. Das Trotzdem ist wie eine Erlaubnis zu handeln, egal wie groß die Zweifel sind. Das Trotzdem macht den Weg frei.

Das singende Mädchen verfällt nicht in den kollektiven Wahn, die Welt, das Klima oder sonst was Gigantomanisches retten zu können. Das „ein bisschen“ genügt ihm. Man könnte das auch Demut nennen. Eine Haltung, die heute nicht mehr zeitgemäß ist. Und die übrigens auch damals Unmut erregte. Die Friedensbewegung kritisierte, dass „ein bisschen“ zu wenig sei. Wenn Frieden, dann radikal. Doch ist es nicht gerade der große Wurf, an dem die Realität sich nie wird messen können – und der deshalb ermüdet? Wenn ein Schritt gegangen wird, ist das immer mehr als ein Schritt, der nicht gegangen wird, weil das Ziel unerreichbar scheint.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) befand seinerzeit, man könne sich freuen, dass der Friedenswunsch – im Schlager artikuliert – so viel Resonanz gefunden hat, und gleichzeitig bedauern, dass das Thema so aktuell geworden ist.

Das „Thema“ ist nicht aktuell geworden. Es war nie weg. Bis heute nicht. Ist Menschheit denkbar ohne Krieg? Wer kann sich eine solche Welt denken – und wer nicht? Wie zu einer solchen Welt beitragen? Dazu ein Zitat der Liedermacherin Bettina Wegner aus dem Lied „Waffenlos“: Ganz freien Willens gebe ich alle Kälte auf, ich will nicht mehr Kampf und nicht Sieger sein, ich richte auf niemanden mehr den Lauf meiner Waffe – und lasse mich auf alles ein.

Bei der nochmaligen Präsentation des Siegertitels trug Nicole Teile des Liedes auf Englisch, Französisch und Niederländisch vor. Das ist die Ur-Idee des ESC: Das Verbindende.

„A little loving, a little giving
To build a dream for the world we live in
A little patience and understanding
For our tomorrow a little peace
A little sunshine, a sea of gladness
To wash away all the tears of sadness
A little hoping, a little praying
For our tomorrow a little peace

Que puis je faire avec une chanson
Mais pourquoi me taire, il n’y a pas de raison
Pour faire la guerre c’est mieux ton cadeau
Il y a qu’a trouver l’unison

Een beetje vrede, een beetje liefde
Voor onze wereld waarop wij wonen
Een beetje vrede, een beetje vreugde
Erover dromen dat doe ik al“

Egal, welche Sprache wir sprechen, wir gehören alle zur Menschheitsfamilie. Ist da wirklich jemand, der sich nach Krieg sehnt? Nicole fordert uns auf, in ihr Friedenslied einzustimmen. In ihr kleines – und doch großes Lied. Es geht darum, einen Anfang zu machen. Einen Anfang trotzdem.

Sing mit mir ein kleines Lied
Dass die Welt in Frieden lebt
Singt mit mir ein kleines Lied
Dass die Welt in Frieden lebt

Hören & Sehen

Erstmals veröffentlicht auf Manova www.manova.news/artikel/aus-angst-vor-dem-dunkeln

Audiofassung dieses Beitrags

Das Lied im Original