
Das Leben neu entdecken
Aus einem Schweizer Volkslied spricht die Sehnsucht nach Frieden und einem erfüllten Dasein.
Lieder für den Frieden — dabei denkt man nicht unbedingt als Erstes an Volksmusik. Ist solche Musik nicht banal, gar reaktionär und „rechts“? Eher noch stellt man sich einen Gitarrenliedermacher mit anklagender Miene oder einen zotteligen Rocksänger vor, der seinen Protest gegen die Kriegstreiber zu E-Gitarrenmusik ins Mikrofon röhrt. Dies könnte sich aber als Voruteil erweisen.
Die Autorin fand in ihrem heimischen Jodelchor ein Lied, das sie zutiefst berührte, weil es mit einfachen Worten die Sehnsucht nach dem Schweigen von allem Streit und Lärm der Welt ausdrückt. Zunächst geht es in diesem Text um persönliche Eindrücke, gesprochen aus einer Seele, die sich vom Abendfrieden ergreifen lässt. Aber auch hier ist, wie so oft, das Private politisch.
Eigentlich wollte ich einen Song von Victor Jara auswählen: „El derecho de vivir en paz“ – das Recht, in Frieden zu leben. Es ist ein Song gegen den Vietnamkrieg. Doch dann überfluteten mich meine eigenen Erinnerungen an die 70er Jahre, mein politisches Aufwachen in der Antiatomkraftwerkbewegung, in der Häuserbesetzerszene, in der Frauenbewegung. Obwohl in Aufbruchstimmung und einem gehörigen jugendlichen Elan, die Welt zu verbessern, gab es auch immer wieder Phasen von Hilflosigkeit und Resignation. So holte mich damals die Musik von Jara, die mit einer lyrischen Melancholie unterlegt ist, in ihrer Traurigkeit immer wieder ab. Als Victor Jara 1973 von den chilenischen Putschisten Pinochets brutal ermordet wurde, legten wir in der Wohngemeinschaft seine LPs auf und sangen mit.
Diese Emotionen spiegeln nicht mehr meine heutige Befindlichkeit. wider. Genau 50 Jahre später wähle ich ein Lied aus, das ich selbst zusammen mit meinem Jodelchor singe. Ein Schweizer Volkslied in der Mundart von Bern, mit einem Jodel-Part für Frauen und Männer. Der übersetzte Text lautet:
„Die Welt ist müde vom vielen Streiten, müde von all dem bitteren Leid, doch wenn die Abendglocken läuten, spürst du Frieden, spürst du Freud.
Spürst im Wald den heiligen Frieden, rings um dich die tiefe Ruh, und von der weit entfernten Stadt klingen die Glocken zu dir hinauf.
Es dunkelt früh nach kurzen Tagen, in der stillen Abendzeit, und du hörst mit Wohlbehagen von der Kirche Glockengeläut.
Allen Gesunden und allen Kranken rufen die Abendglocken zu: Für den Frieden wollen wir danken, müde Welt steh auf und sing mit. Müde Welt steh auf und sing mit.“
Ernst Sommer hat dieses Lied 1976 geschrieben und komponiert. Drei Jahre, nachdem Victor Jara ermordet wurde. Mit gefällt es in seiner Bescheidenheit und Zurückhaltung: Es fordert auf zu singen und zu danken. Fast wie ein Gebet.
Wenn wir im Chor dieses Lied singen und die vier Stimmlagen gut übereinstimmen, dann ergibt sich ein Gefühl eines einzigen Klangkörpers, einer Glocke gleich, das uns nachhaltig erschauern lässt.
In den 70er Jahren war bei uns die Schweizer Volksmusik verpönt, sie wurde in die rechte Ecke abgedrängt. Wer etwas auf sich hielt, wählte selbstverständlich die Rock- und Popmusik, die italienischen Canzoni, Bob Dylan und viele mehr. Anfangs der Nullerjahre setzte eine Trendwende ein, ein Rückbesinnen auf unsere eigenen Lieder, und die Volkslieder hielten Einzug in unsere Musikschulen.
Damit könnten wir Leben neu denken, wir könnten experimentieren, auch mit neuen Formen menschlicher Bindungen, die nicht mehr im Gefälle eingerichtet werden, sondern auf Augenhöhe, in der gegenseitigen Anerkennung der Differenz. Denn: Das einzig Verbindende zwischen Menschen ist die Anerkennung der Differenz. Es ist nicht die Liebe oder die Toleranz, sondern schlichter, bescheidener: Die Anerkennung, dass der andere «nicht ich» ist. Diese Anerkennung bedeutet für mich Freiheit.
