Friedensnoten
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Der heimliche Held
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Der heimliche Held

Guiseppe Verdis Opernheld Falstaff entzieht sich der Kriegslogik und besteht — für uns alle zum Vorbild — auf seinem Recht auf Glück.

„Süß und ehrenhaft ist’s, fürs Vaterland zu sterben“, sagte Horaz. Ja sicher, aber ist das Leben etwa nicht schön? In Kriegszeiten läuft die Phrasendreschmaschine stets auf Hochtouren. Moralische Grundsatzurteile, Pathos und Abstraktion regieren den Diskurs. Das ganz Einfache, Menschliche gerät dabei meist unter die Räder. Kriegsnarrative werden meist von nicht selbst am Krieg Beteiligten entworfen, um den Opfern ihren eigenen Tod, Leid und Verstümmelung als heroischen Akt aufzuschwatzen. Wer sich entzieht, aus dem sehr nachvollziehbaren Motiv heraus, zu überleben und in Ruhe gelassen zu werden, ist — natürlich — ein Feigling. Aber ist es so einfach? Steckte hinter der Verweigerung nicht auch Klugheit und eine tiefere Einsicht in die Zusammenhänge? Martha Carli präsentiert in dieser Folge der #Friedensnoten diesmal einen sehr überraschenden „Hit“: Verdis Oper „Falstaff“ von 1893 porträtiert einen so lebensprallen wie schelmischen Akteur, der sich den Zumutungen seines schon damals menschenverachtenden Gesellschaftssystems trickreich entzieht. Wir Heutigen können daraus lernen, wie wenig es der moralischen Weiterentwicklung des Menschen dient, sich zum Werkzeug der Schlächter machen zu lassen.

Erschienen
14. Januar 2023
Lesezeit
ca. 8 Min.
Song
Falstaff – Finale
Album
1893

In heroischen Zeit regiert die Moral, und man stirbt für Abstraktionen – nein, besser, man lässt für Abstraktionen sterben. Man nennt sie Werte, die in Wahrheit selbstredend Interessen sind, recht primitive in der Regel. So weit, so alt. Man ruft die Helden zusammen, die die Welt vor dem Bösen retten sollen, was immer die aktuelle Mode – oder die Interessen – dazu macht. In heroischen Zeiten regiert das Entweder-Oder. Dazwischen ist nichts. Man verlangt, dass eine Wahl getroffen werde, und die Wahl für das eine bedeutet zugleich die Zerstörung des anderen. Der dritte Weg – oder Frieden – ist keine Option.

Was hat eine Figur wie Falstaff in einem solchen Szenario verloren? Ein saufender, raufender, fetter Ritter, der in grandioser Selbstüberschätzung den Frauen nachstellt und sich dabei fortlaufend zum Gespött macht.

Sir John Falstaff ist ein Ritter, doch seine Ritterpflichten kümmern ihn wenig. Er ist kein Held, nicht einmal ein Antiheld. Er gilt als Feigling, als Verderber der Jugend. Was tut er in der Sphäre der Macht, der großen Politik, bei den Königen und den Prinzen (in „Henry IV.“), will er doch mit Macht und Politik nichts zu tun haben? Nein, Falstaff ist eine Art Gegenveranstaltung zur Politik, einer, der sich durchwurschtelt, ein Schurke, ein Drückeberger. Mit anderen Worten: Falstaff ist ein Schelm, ein Trickster.

„Falstaff’s a rogue, yet he warms the heart“ (A.R. Humphreys)

Er versteckt sich in Körben und hinter Paravents. In einem Kampf stellt er sich lieber tot, als den Heldentod zu sterben – der ihm wegen klarer Unterlegenheit sicher gewesen wäre. Falstaff ist kein Held – und bleibt am Leben. Falstaff, der Trickster, gewinnt seine Lebensenergie aus dem Menschenmöglichen, das in den großen, weiten Gewändern des Universums zu Hause ist und das in einem tödlichen Entweder-Oder als Oktroy jämmerlich erstickt.

Oder doch lieber die Kunst der kreativen Subversion zu üben, wie unelegant auch immer.

Can honour set to a leg? No. Or an arm? No. Or take away the grief of a wound? No. Honour hath no skill in surgery, then? No. What is honour? A word. What is in that word, honour? What is that honour? Air. (…) Honour is an mere scrutchion (gemalter Schild).
(Falstaff in Henry IV, Teil 1, V. Akt, Szene 1)

Ehre, Freiheit, Demokratie – sie alle werden zu Luft in heroisch-kriegerischen Zeiten. Was aber bedeutet Freiheit, wenn es immer mehr Moral und immer weniger Brot gibt? Moral und Werte und verwandte Plastikwörter wärmen für eine kurze Weile die kalten Seelen derjenigen, die andere zu Krieg und Heldentod verurteilen, bis auch sie feststellen müssen, dass die Moral seit jeher eine trügerische Verbündete ist – und dass man sie nicht essen kann.

Ehrpusseligkeit ist nicht die einzige Konvention, die Falstaff in Frage stellt. Anstatt für den Krieg eine ordentliche Truppe zusammenzustellen, wirbt er zerlumpte Söldner an – und entlässt diese ragtag army auch gleich wieder. Ist das nicht eine wunderbare Idee?

Was aber tut er da? Ist das politische Vernunft? Was soll das sein? Heißt politische Vernunft, Krieg zu führen? Das Gefühl haben zu wollen, mit den großen Jungs spielen zu dürfen – die by the way noch trügerischer sind als die Moral? Falstaff weiß, dass es im Krieg keine Gewinner gibt und dass die Zerstörung von Feinden weit davon entfernt ist, dem eigenen Leben irgendeine Art von Bedeutung und Sinn zu geben.

Die berühmt-berüchtigte Hobbes’sche Erfindung ist eine Beschreibung von Vorkommnissen in seinem zerrütteten England, eine Erfindung, die die Grausamkeiten dem „menschlichen“ Wolf andichtet, während die wahren Übeltäter und Profiteure davonkommen.

Falstaff, der komische Nicht-Held, kümmert sich keinen Deut um hehre Moralität und um abstrakte Werte. In der Komödie und manchmal sogar im Königsdrama zeigen die Falstaffs dieser Welt die Fähigkeit der Menschen, zu überleben, und die Fortdauer des Lebens selbst zu feiern. Sie zeigen eine ganz und gar unheroische Form von Widerstand, der ausgesprochen subversiv ist, der es versteht, zu täuschen und sich zu verstellen, und auf vielen verborgenen Wegen sein Ziel erreicht, ein Widerstand, der keine Schlagzeilen macht und der sich ums Überleben kümmert, was keineswegs trivial ist. Das ist die Komödie auch nicht, am allerwenigsten übrigens der Schelmenroman, der seinen Ursprung in Zeiten des Krieges und bitterster Armut, der Kriminalisierung der Armut und der Hexenverfolgung hat, einer Zeit, die eine bekannte europäische Selbstvergewisserungserzählung als „Renaissance“ bezeichnet.

In solchen Zeiten ist ein Gemeinwesen in tödlicher Gefahr.

Heroische Zeiten mit ihrer abstrakten Prinzipienmoral, mit ihren unterkomplexen Freund-Feind-Dichotomien, ihrer Geschichtsvergessenheit, ihren Diffamierungen und Verleumdungen und ihrem Vernichtungswillen sind in Wahrheit erbärmliche Zeiten voller tumber Zivilisationsverweigerung primitiver Figuren mit primitiven Bedürfnissen, Zeiten voller Feigheit und Angst vor dem wirklichen Leben, vor seiner Kakophonie und seiner unberechenbaren Unübersichtlichkeit.

Gegen Ende der Ilias trifft der übergroße Held Achill auf Hektor, der versucht, einen Streit auf zivilisierte Art zu beenden. Doch Achill hat kein Interesse am Frieden. Er weist Hektor zurück, indem er ihm kurzerhand das Menschsein abspricht. Es gibt keinen Schwur zwischen Mensch und Wolf oder Wolf und Lamm, lässt Achill ihn wissen. Der Held, der bis weit in die Neuzeit hinein Rollenvorbild für junge Männer von Stand war, besteht darauf, der Jäger zu sein und Hektor seine Beute – eine Beute, die nicht menschlich sei. Wenn aber die Beute nicht menschlich ist, kann Achill alle Regeln ignorieren und alle Zügel fahren lassen in blinder Raserei.

Achill, das Vieh heißt der zornige Held in Christa Wolfs „Kassandra“ – was in der fast ausschließlich männlich besetzten Altphilologie zu heftiger Schnappatmung führte. Der Psychiater Jonathan Shay fand in der Ilias Erhellendes für Berserkertum und Persönlichkeitsauflösung durch Kriegstraumata bei Veteranen des Vietnamkrieges. Nichts Neues, wo man hinsieht.

Falstaffs und seine Freunde in der Republik der Schelme, die stets die Auswege durch die Hintertür finden, die sich absichtsvoll zwischen alle Stühle setzen, die lachen, wenn es besonders ernst ist, die mehr Anarchie wagen, die moralisch Hochbegabten aus dem Weg gehen, die in Zeiten flächendeckender Manipulation den Spieß herumdrehen und Lügengeschichten schreiben sowie subversive Persönlichkeitsanmaßung betreiben. Sie sind der Riss, durch den das Licht hereinkommt (vergleiche Madita Hampe zu „Anthem“ von Leonard Cohen).

Schelme und Trickster gibt es überall auf der Welt – im Unterschied zu Helden. In klugen Kulturen lässt man sie ihre Arbeit tun. Eine davon ist, den Helden zu zeigen, wie strunzdumm sie sind. Wie es auch Falstaffs Freund Yossarian in Joseph Hellers „Catch 22“ tut.

Du redest davon, wie der Krieg gewonnen werden kann, und ich rede davon, wie der Krieg gewonnen werden, ich aber am Leben bleiben kann.

„Ganz richtig“, antwortete Clevinger schnell und selbstzufrieden. Und was, glaubst du wohl, ist wichtiger?
„Wichtiger für wen?“, schoss Yossarian zurück.

„Mach doch endlich die Augen auf, Clevinger. Einem toten Mann ist es völlig egal, wer den Krieg gewinnt.“

What is honour?

Ich danke Ugo d’Orazio für die musikalische Beratung.

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Erstmals veröffentlicht auf Manova www.manova.news/artikel/der-heimliche-held

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Das Lied im Original