Friedensnoten
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Die größte Macht
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Die größte Macht

Worte können ein Fausthieb sein oder eine streichelnde Hand, können zum Krieg verführen oder Frieden stiften – Udo Jürgens schrieb eine Hymne an das Wort.

Der Sänger von „Merci, Cherie“ und „Aber bitte mit Sahne“, gern als „Schlagerfuzzi“ unterschätzt, widmete sich schon früh in seiner Karriere ernsten Themen. Ein Chansonnier, der durch seine allgemein verständliche Wortwahl und seine zündenden Melodien sehr viele „normale“ Menschen mitzunehmen verstand, sodass seine politischen Botschaften weite Kreise zogen. Auch in der ehemaligen DDR war Udo Jürgens bekannt und beliebt. Für den Autor wurde er zum Lebensbegleiter und Lehrer.

„Wort“ ist ein acht Minuten langes symphonisches Chanson, das Jürgens 1980 zusammen mit den Berliner Philharmonikern aufführte. Es erinnert an Filmmusik und wirkt herzöffnend. Auch der Text ist alles andere als banal. Das Wort nämlich kann Waffe oder Liebkosung sein, es hat schon „Völker verführt“, ist aber auch geeignet, Frieden zu schließen. Hätten Ost und West die Botschaft des Sängers nur verstanden!

Erschienen
14. Oktober 2023
Lesezeit
ca. 6 Min.
Song
Wort
Interpret
Udo Jürgens
Album
Udo ’80, 1980

Friedensnoten.

Frieden.

Noten.

Können Lieder, kann Musik über Krieg und Frieden entscheiden?

Kann es ein Wort?

Oder mehrere zu Satz und Sätzen gewordene Wörter?

Kann Sprache unser Tun und Handeln so weit lenken, dass wir eher verstehen oder gar lieben oder eben hassen und letztlich töten?

Ja. Ich glaube, ja.

Umso mehr, wenn Wort und Noten sich vereinen, wenn aus ein paar Worten und ein paar Tönen ein Lied wird, das in die Seele dringt und in uns schwingt, nachhallt, Gefühle freilegt und Gedanken anzündet.

Der große Udo Jürgens veröffentlichte Ende des Jahres 1979 sein insgesamt sehr wichtiges Album „Udo ‘80“, auf dem als letztes Stück das unter Aufsicht von Herbert von Karajan mit den Berliner Philharmonikern aufgenommene, diesem Beitrag zugrunde liegende sinfonische Werk „Wort“ erstmals veröffentlicht wurde. Oliver Spiecker hatte nach langen Gesprächen und dem inhaltlichen Impuls von Udo Jürgens, der es wie fast alle seiner Lieder auch komponiert hat, den Text nach seinen Ideen verfasst.

Bei Veröffentlichung war ich 14 Monate alt. Erst als ich 14 Jahre alt war, erreichte mich dieses großartige Werk in der, wie ich bis heute finde, noch schöneren, weil noch intensiveren, noch eindringlicheren Live-Fassung des damals gerade erschienenen Albums „Open Air Symphony“.

Mein Gott, ich war 14 und hörte solche Musik! Ich war 14 und auf der Suche nach Inhalten, nach einem Fundament, das mir und meinem Leben einen festen Grund geben könnte, in dieser erkennbar reichlich wirren und oft nun wirklich – zumindest von uns Menschen – nicht zu Ende gedachten Welt.

Udo war ein guter Lebenslehrer; ist es bis heute, vielleicht der beste. Aber das wäre irgendwann vielleicht ein Thema für ein eigenes Buch …

Da bist du 14 Jahre alt, und das inmitten historischer Ereignisse, in der DDR geboren, die gerade mit einem in der Geschichte vermutlich fast einmaligen friedlichen Furor an ihrer eigenen ideologischen Dämlichkeit einfach zusammengebrochen ist, willst pubertieren, willst aber auch mit gebotenem Ernst die Welt erstens verstehen und zweitens verbessern und bekommst dann diese Zeilen als Denkaufgabe zur Ablenkung von deiner unbegründeten Dauererektion samt größenwahnsinniger Revolutionsfantasien angeboten:

„Wort, du bist Gedankenelement
Kannst Illusion sein, die verbrennt
Bist unbegreiflich, wenn man dich begriffen nennt

Wort, du trägst so vielerlei Symbol
Bist in Ideen Weltenpol
Kannst überladen sein und auch bisweilen hohl

Wort, du bist so leise und so sacht
Dabei hast du die größte Macht
Die diesen Erdenball umschließt und ihn regiert

Wort, du wirst geflüstert und zitiert
Du bist der Leitstrahl, der uns führt
Hast Krieg und Frieden schon diktiert

Wort, du hast so vielerlei Gestalt
Und bist so unerreichbar alt
Kannst glühend heiß sein und so kalt

Wort, du wirst missbraucht und kommandiert
Hast Diktatoren dirigiert
Und ganze Völker schon verführt

Wort, bist du auch manchmal rigoros
Und triffst uns wie ein Degenstoß
Denn deine Wirkung ist nicht nur im Guten groß

Wort, du bist so zärtlich und so warm
Dein Klang nimmt uns in seinen Arm
Du bist die Brücke, die die Menschen näherbringt

Wort, du wirst melodisch, wenn man singt
Bist ein Signal, das in uns dringt
Du bist die Sinfonie, die nie verklingt.“

Zweifel als Antwort. Na wunderbar!
Zweifel als Antwort. Ja, wunderbar!

Aber misstraue, um Himmels Willen misstraue (!!!), wenn du Taktik witterst, Kalkül oder moralisch aufgeladene Heilsversprechen! Vertraue dem, der zweifelt. Misstraue dem, der dir letztinstanzlich und alternativlos mit Weisheiten droht. Umso mehr, wenn er dir mit Verachtung und Repressalien droht, wenn du diese nicht befolgst.

Das Wort kann streicheln und trösten, versöhnen, Hände reichen, nach Wahrheit und Aufrichtigkeit schürfen und den Frieden beschwören. Das Wort kann aber auch Zwietracht sähen, Verachtung nähren, Hass versprühen und den Krieg entzünden. Vielleicht gelingt es uns nicht immer, die Wahrheit zu begreifen, aber es genügt, die Lüge zu erkennen, sie zu demaskieren, um dem Frieden zu dienen.

„Am Anfang war das Wort“, hallt durch immer leerer werdende Kirchenschiffe jener erste Satz aus dem Evangelium des Johannes. Und wer von uns seinen ganz persönlichen Gottesbezug, völlig unabhängig von menschengemachten Konfessionen, noch nicht verloren hat, kann sie geradezu physisch spüren, diese sagenhafte Kraft eines festen Wortes.

Zu glauben, dass ein kraftvoll dröhnendes „Es werde Licht!“ genügt, dass kurze Zeit später auch Licht ward, muss jeder für sich entscheiden, aber dass ein hunderttausendfach beharrlich vorgetragenes „Wir sind das Volk!“ friedlich, aber bestimmt ausgerufen, ein ideologisch hyperventilierendes Machtsystem zum Einsturz bringen kann und eine bis an die Zähne bewaffnete Schutzmacht abziehen, statt alles zusammenschießen lässt, haben wir erlebt. Wir haben auch erfahren, dass ein wirr krakeeltes „Ja“! aus zehntausend aufgepeitschten Hälsen auf die diabolische Frage „Wollt ihr den totalen Krieg?“ in den Untergang führte.

Schimpft mich naiv, wenn ich mir nach dem dritten Glas Wein gerne versuche auszumalen, wie es wohl gewesen wäre, wenn in diesem Moment im Februar 1943 im Berliner Sportpalast Göbbels auf seine Frage ein zehntausendfaches „NEIN!“ entgegengerufen worden wäre.

Hätte er alle zehntausend an Ort und Stelle erschießen lassen? Wohl kaum. Die meisten von ihnen werden allerdings in den folgenden zwei Jahren in diesem wahnsinnigen Krieg wohl ohnehin ihr Leben verloren haben; mindestens ihre Lebensgrundlage.

Wort, du wirst missbraucht und kommandiert
Hast Diktatoren dirigiertUnd ganze Völker schon verführt,

aber eben auch und genauso wahr:

Wort, du bist so zärtlich und so warm
Dein Klang nimmt uns in seinen Arm
Du bist die Brücke, die die Menschen näherbringt.

Wenn heute jemand mit feurigem Eifer und keinen Zweifel ertragend sagt, er wolle geächtete Streumunition in einen Krieg liefern, um Frieden zu erreichen –

Wenn heute jemand seine gesundheitliche Fürsorge auch um den Preis meiner existenziellen Vernichtung anbietet –

Wenn jemand, Verachtung bei Nichtbefolgung androhend, Formulierungen verbieten will, weil sie ideologisch gefiltert vielleicht als menschenverachtend verstanden werden könnten –

Wenn ein Demokrat die 50 Prozent, die ihm nicht zustimmen, als Antidemokraten bezeichnet –

Wenn jemand mein Vertrauen will, aber blinden, unkritischen Gehorsam fordert –

Wort, du trägst so vielerlei Symbol
Bist in Ideen Weltenpol
Kannst überladen sein und auch bisweilen hohl.

Nein, ich erkenne leider nicht immer die Wahrheit, aber ich erkenne die Lüge!

Danke, Udo!

Hören & Sehen

Erstmals veröffentlicht auf Manova www.manova.news/artikel/die-grosste-macht-2

Das Lied im Original