Friedensnoten
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Die Schornsteine der Waffenschmiede
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Die Schornsteine der Waffenschmiede

In der Rüstungsindustrie arbeiten biedere Menschen, die das durch sie verursachte Leid verdrängen — Rapper Prinz Pi widmete dieser Banalität des Bösen den Song „Schornsteine“.

Aus den Augen, aus dem Sinn. Der Krieg wird zunehmend abstrakter, und das durch ihn verursachte Leid ist längst nicht mehr für alle sichtbar. Das gilt für die Menschen in den Waffenschmieden, aber zum Teil auch für die Einsatzkräfte selbst. Erstere aus der Rüstungsindustrie sehen nur noch das Produkt als solches, kennen die technischen Einzelheiten und sehen in dem Vertrieb lediglich einen kaufmännischen Vorgang. Meist handelt es sich um herzliche Familienmenschen, die mit bestem Gewissen handeln. Was diese Waffen in den Kriegsgebieten anrichten, wird stur ausgeblendet. Doch selbst am Ort des Kriegsgeschehens kann die Tötung abstrakt bleiben, etwa für jene Einsatzkräfte, die den Kampf aus der Luft durchführen. Teils aus mehreren Kilometer Entfernung werden per Rakete die „weichen Ziele“ unter den Flugzeugen hingerichtet. Einem solchen unbescholten wirkenden Waffenhersteller einerseits und einem vom Akt des Tötens völlig entfremdeten Kampfjetpiloten andererseits widmete Rapper Prinz Pi auf seinem 2016 erschienenen Album „Im Westen nix Neues“ den zynischen Song „Schornsteine“.

Erschienen
4. März 2023
Lesezeit
ca. 5 Min.
Song
Schornsteine der Waffenschmiede
Interpret
Prinz Pi
Album
Im Westen nix Neues, 2016

Das Böse lässt uns erschaudern, wenn es sich eben nicht mit einem schelmischen Grinsen zeigt, sondern mit einem arglosen Erscheinungsbild auftritt, hinter dem es sich zunächst versteckt. Prinz Pi zeichnet in der ersten Strophe seines Songs „Schornstein“ das Bild eines auf den ersten Blick unbescholtenen, gutverdienenden Familienvaters, den netten, bürgerlichen Nachbarn von nebenan eben.

Das lyrische Ich spricht bis kurz vor Strophenende aus der Sicht des Familienvaters, formuliert die eigenen Widersprüche, die dem Vater selbst, aber nicht dem Hörer verborgen bleiben:

Genau so stellt man sich doch gemeinhin den vorbildhaften, steuerzahlenden Bürger vor: liebender Vater einer Familie, ein deutsches Automobil vor der Tür und offenkundig ein Jemand, der beruflich „was Vernünftiges“ tut. Bei dem Arbeitgeber selbst scheint es sich ebenfalls um einen durch und durch vorbildlichen Betrieb zu handeln:

Wir bilden aus hier! Zahlen waren immer schon schwarz
Solarzellen auf dem Dach tilgen unsren Bedarf
Trennen den Müll, filtern Luft und die Abwasser clean
Biotop in dem kleinen Bach bei der Fabrik

Was kann man bei einem solchen Unternehmen schon beanstanden? Produktiv, umweltschonend und Arbeitsplätze schaffend. Was wäre von einem vernünftigen Betrieb mehr zu erwarten? Doch in den letzten Versen fällt der Schleier:

Wir produzieren hier bei uns die besten Waffen der Welt
Aus diesem Land kommen die besten Waffen der Welt
Genau von diesem Mann kommen die besten Waffen der Welt
Auf die Dächer aller Menschen hier prasselt das Geld

Diese Strophe ist wahrlich keine Fabel. Da mag es so einige Männer – insbesondere in Baden-Württemberg – geben, die das unscheinbare Leben eines freundlichen Häuslebauers und Familienvaters leben und werktags in den Waffenschmieden die Tötungsmaschinerie herstellen und verkaufen, die in allen Teilen der Welt „Häusle“ zerbombt und Familien massakriert. Doch das wird konsequent ausgeblendet, denn von dem Anwendungsbereich und der Wirkkraft sind die Waffenproduzenten gänzlich entfremdet und abgespalten. So rappt Prinz Pi in der Hook beziehungsweise dem Refrain:

Wir schlafen gut, denn wir machen einen wichtigen Job
Wo alles landet, habe ich nicht im Kopf
Entscheide nicht, wer sterben soll, vergleiche mich nich‘ mit Gott
Ich drücke nur in der Fabrik immer den richtigen Knopf

Am Ende geht es darum, dass – wie Pi im Refrain mehrfach wiederholt – der Schornstein von jeder Fabrik raucht.

Würde man die Mülltrennung jedoch ernst nehmen, müssten sämtliche dort produzierten Produkte im Sondermüll landen. Täten sie dies, wäre jedoch der Unternehmenszweck dahin und mit ihm das prestigeträchtige Angestelltenverhältnis der Mitarbeiter mit all den damit verbundenen Annehmlichkeiten.

Diese Entfremdung vom Töten beschränkt sich jedoch nicht auf den Angestellten der Rüstungsfabrik. In der zweiten Strophe rappt Pi aus der Sicht eines Kampfjetpiloten vom Schlag eines Captain Maverick, wie man ihn aus den Top-Gun-Filmen mit Tom Cruise kennt. Hierbei beschreibt er eindrücklich die Verschmelzung von Mensch und Tötungsmaschine und damit einhergehendem Empathie-Verlust:

Körperlich topfit, bin eins mit dem Cockpit
Weiß im Schlaf, wo jeder Schalter und Knopf ist
Kenne meinen Jet wie ein Teil meines Körpers
Reagiere aus Reflex ohne den Umweg durch Wörter
Jedes System funktioniert, doppelt gecheckt
Und auch ich funktioniere wie ein Uhrwerk perfekt
Gib mir Koordinaten, und ich drücke den Knopf
Und ich drücke ihn so oft, wie man mir sagt, dass ich drücken soll
Wie man mir sagt, dass ich drücken soll
Mission Erfolg, astreine Quote
Wird der Jet in den Hangar zurückgerollt
Bin ich danach schon ein bisschen stolz

Prinz Pi – der heute leider nicht mehr so kritisch ist wie in früheren Tagen – zeigte mit diesem Werk, wie das Maschinelle – ob in den Rüstungsfabriken oder in den Kampfmaschinen selbst – das Menschliche zurückdrängt und die Auslöschung des Lebens abstrakt werden lässt. Der fast schon fröhliche Beat kontrastiert die Ernsthaftigkeit des Themas, während die exotischen Drums und Vocals unterschwellig darauf hindeuten, in welchen Regionen der Welt die Waffen ihr tödliches Werk verrichten.

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