
Die vier Toten von Ohio
Der Song „Ohio“ von Crosby, Stills, Nash & Young anlässlich der staatlichen Ermordung pazifistischer Studenten ist politische Musikgeschichte und auch heute noch aktuell.
Der 4. Mai 1970 gilt als einer der schwärzesten Tage in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika. Jener Montag führte den Amerikanern vor Augen, dass ihre demokratisch gewählte Regierung vor Mord an der eigenen Bevölkerung nicht zurückschreckt, wenn es darum geht, eigene Interessen durchzusetzen und Widerspruch auszuschalten. Damals geschah das Undenkbare: Amerikanische Soldaten eröffneten in Amerika das Feuer auf amerikanische Studenten. Vier junge Menschen starben, neun wurden zum Teil schwer verletzt. Die Opfer hatten an der Kent State University in Ohio gegen den Vietnamkrieg demonstriert. Mit den tödlichen Schüssen der Nationalgarde waren der Krieg und das Morden in der Heimat angekommen. Keiner der Verantwortlichen wurde jemals zur Rechenschaft gezogen. Crosby, Stills, Nash & Young antworteten mit dem wütenden Protestsong „Ohio“. Der Refrain „Four dead in Ohio” ist bis heute eine Anklage gegen die Kriegswilligen und Machtbesessenen, für die ein Menschenleben nichts zählt.
Chronologie einer nationalen Tragödie
Der Frühling zeigt sich von seiner freundlichen Seite an jenem 4. Mai 1970 in Kent, Ohio. Es ist an diesem Montag leicht bewölkt bei 20°C, von Südwesten her weht eine schwache Brise. Ein schöner Tag.
Doch der Schein trügt. Es sind keine friedlichen Zeiten in den U.S.A. und in der Welt. Der Vietnamkrieg tobt. 50.000 Amerikaner und über eine Million Vietnamesen haben in den sinnlosen Kämpfen bereits ihr Leben verloren. Präsident Richard Nixon hat vor wenigen Tagen, am Donnerstag, den 30. April, in einer Fernsehansprache die Ausweitung des Krieges auf Kambodscha verkündet. Nixon, der ewig Getriebene, will den Krieg durch noch mehr Krieg gewinnen.
Der Vietnamkonflikt spaltet die Nation. Die einen befürworten die Intervention mit der Begründung, sie sei notwendig, um die Ausbreitung des Kommunismus in Asien zu verhindern. Die anderen fordern ein Ende des Blutvergießens, sie haben erkannt, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen ist. Hunderttausende gehen für den Frieden auf die Straße.
Divide et impera. Auch damals. Richard Nixon macht die Kriegsgegner lächerlich und nennt sie verächtlich bums, Penner
. Kriegskanzler Olaf Scholz bezeichnet die Friedensdemonstranten heute als gefallene Engel aus der Hölle
. Beides wenig originell und beides beruhend auf dem plumpen Prinzip Teile und herrsche
. Wir kennen das zur Genüge.
Die Universitäten in den U.S.A. sind gegenwärtig ein Hort der Anbiederung an die Obrigkeit. In den späten Sechziger und frühen Siebziger Jahren waren sie Zentren der Friedensbewegung. Die Studenten wollten keinen Krieg, und vor allem wollten sie nicht eingezogen werden und am anderen Ende der Welt gegen den Vietcong kämpfen.
Ein solches studentisches Zentrum des Widerstands ist 1970 jene Kent State University in Ohio, kurz: die KSU. Seit 1968 demonstrieren dort Studenten immer wieder gegen die Kriegspolitik des demokratischen Präsidenten Lyndon B. Johnson und seines republikanischen Nachfolgers Richard Nixon.
Man muss sich jedoch einige Zahlen vor Augen halten, um das Ausmaß der Proteste an der KSU richtig einzuschätzen: Auf dem Gelände leben 19.000 Studenten, die meisten von ihnen lehnen den Vietnamkrieg ab, aber an den Protesten beteiligen sich lediglich 300 bis 1.000 Personen. Die, die sich trauen, sind in der Minderheit.
Die Stimmung auf dem Campus ist seit über zwei Jahren gereizt. Das Vorgehen der U.S.A. in Vietnam macht den jungen Menschen zu schaffen, sie sorgen sich um ihre Zukunft. Nixons Fernsehansprache und seine Ankündigung, den Krieg auf Kambodscha auszuweiten, bringen schließlich den fatalen Stein ins Rollen. Die Proteste der Studenten werden gewalttätig, die Eskalation nimmt ihren Lauf.
Am Freitag, den 1. Mai 1970, also einen Tag nach Nixons Rede, zieht eine Handvoll Studenten randalierend durch die Innenstadt von Kent. Sie werfen Steine und Flaschen, schlagen Schaufenster ein. Die Polizei antwortet mit Tränengas, die Studenten ziehen sich auf das Universitätsgelände zurück.
Kents Bürgermeister LeRoy Satrom verhängt daraufhin den Ausnahmezustand und erlässt eine Ausgangssperre. Außerdem fordert er – Verhängnis! – die Nationalgarde an. Am nächsten Tag, es ist Samstag, zünden die Demonstranten auf dem Campus ein Gebäude der US-Streitkräfte an, in dem Studenten auf ihre Karriere in der Armee vorbereitet werden. Munition im Wert von 50.000 Dollar explodiert, der Bau brennt nieder.
Sonntag, 3. Mai. Noch gäbe es die Möglichkeit, die Lage an der KSU zu entspannen und den Dialog zu suchen. Aber dann tritt eine dunkle Gestalt auf den Plan: James A. Rhodes, Gouverneur von Ohio, ein Republikaner wie Präsident Nixon. Rhodes hat nur ein Ziel, er möchte in den Senat gewählt werden. Diesem Ziel ordnet er alles unter. Nun hat er vor den Wahlen überraschend noch einmal die Möglichkeit, sich als Mann des Rechts und der Ordnung zu inszenieren. Rhodes will bei den konservativen Wählern punkten, denen die KSU, diese Stadt in der Stadt, fremdgeblieben ist. Den Journalisten sagt Rhodes nach den jüngsten Ausschreitungen:
Diese Studenten sind schlimmer als die Braunhemden und Kommunisten. Sie sind die übelsten Menschen, die wir in Amerika beherbergen. Und ich betone, dass diese Radikalen den Campus nicht übernehmen werden.
Markige Worte von einem, der sich profilieren will. Rhodes gießt Öl ins Feuer. Den Andersdenken als Nazi oder Kommunist zu bezeichnen, ihn also als demokratiefeindlich zu brandmarken, auch das kennen wir.
Rhodes erklärt jede weitere Versammlung in Kent und auf dem Universitätsgelände für illegal und gibt der Nationalgarde den Befehl, Protest mit allen erforderlichen Mitteln niederzuschlagen. To use whatever force necessary to break up the protest: Die Aufhebung der roten Linien.
Auch in der folgenden Nacht kommt es auf dem Campus zu Ausschreitungen. Die Nationalgarde setzt abermals Tränengas ein. Die Studenten kündigen für den nächsten Tag weitere Proteste an. Dieses Mal werden auch Lehrer und Professoren an der Demonstration teilnehmen.
Es ist der 4. Mai 1970 – Der verhängnisvolle Montag. Es ist Mittag. Etwa 300 Demonstranten kommen auf einer Rasenfläche der KSU zusammen. Ihnen weit überlegen ist die Zahl der Schaulustigen. Über 1.000 Gaffer finden sich ein. Die meisten der Demonstranten sind Hippies, also die Art Mensch, die Nixon, Rhodes und das bürgerliche Lager verachten. Die Protestierer schwenken Fahnen und tragen Spruchbänder mit Friedensparolen wie Flowers are better than bullets
, Blumen sind besser als Geschosse.
Die Nationalgarde formiert sich. Gouverneur Rhodes hat den Soldaten den eindeutigen Befehl gegeben: Beendet den Protest!
Die Nationalgardisten sind bestens dafür gerüstet. Sie tragen Stahlhelme und Gasmasken, ihre M1-Gewehre sind mit Bajonetten versehen und scharf geladen. Junge Männer, vorbereitet für einen Krieg. Gegen Unbewaffnete.
Die Demonstranten läuten auf einem Hügel des Campus die Siegesglocke. Sie ist das Geschenk einer Eisenbahngesellschaft und wird normalerweise nur nach einem Sieg der Football-Mannschaft, der Kent State Golden Flashes, geläutet.
Ein Jeep der Nationalgarde rollt langsam durch die Reihen der Demonstranten. Ein Polizist, flankiert von zwei Scharfschützen der Nationalgarde, ruft durch sein Megaphon: Die Kundgebung ist illegal, sie müssen die Versammlung beenden!
Die Studenten antworten mit Pfiffen und Buh-Rufen. Sie versammeln sich bei der Siegesglocke, läuten sie unaufhörlich.
Eine Einheit der Nationalgarde mit 50 Mann setzt sich in Bewegung, sie marschiert den Hügel hinauf auf die Demonstranten zu. Dabei feuern die Soldaten Tränengasgranaten in die Menge. Die Studenten werfen die Granaten zurück. Überall ist Rauch, es sieht aus wie auf einem Schlachtfeld. Beide Seiten werden zunehmend nervös.
Die Soldaten drängen die Protestierer den Hügel hinunter auf einen Parkplatz. Dort können die Studenten nicht weiter, ein Zaun versperrt ihnen den Weg. Sie werfen Steine auf die Soldaten, die weiter Tränengas abfeuern.
Dann macht die Nationalgarde mit einem Mal kehrt, die Einheit zieht sich zurück auf Blanket Hill, den Hügel. Einige Studenten folgen den Nationalgardisten. Räumen die schwerbewaffneten Soldaten nun wirklich das Feld? Nein, das tun sie nicht. Auf dem Gipfel des Hügels angekommen, dreht sich die 50 Mann starke Einheit plötzlich um, und mehr als die Hälfte der Soldaten eröffnet ohne erkennbaren Befehl das Feuer auf die Demonstranten. – Angst, Schreie, Panik! Der Gräuel dauert 13 Sekunden, danach sind Jeffrey Miller (20) und Allison Krause (19) tot, Sandra Scheuer (20) verblutet noch auf dem Campus, William Schroeder (19) stirbt eine Stunde nach den Schüssen im Krankenhaus. Dean Kahler (20) wird von jetzt an nie mehr gehen können. Acht weitere Studenten sind zum Teil schwer verletzt.
Die Siegesglocke hat aufgehört zu läuten. Das Unvorstellbare ist geschehen.
„Ohio“ – Die Wut einer Supergruppe
Crosby, Stills, Nash & Young sind 1970 die Supergruppe in den U.S.A. David Crosby kam von den Byrds, Graham Nash von den Hollies aus England, Stephen Stills und Neil Young spielten zusammen bei Buffalo Springfield. Ihr erstes Album bringen sie 1969 bei Atlantic Records noch als Trio heraus – Crosby, Stills & Nash –, dann schlägt der legendäre Plattenboss Ahmet Ertegün vor, den charismatischen Kanadier Neil Young in die Band aufzunehmen. Die vier Musiker zögern kurz, denn alle zeichnet vor allem eines aus: ein großes Ego. Aber nach den ersten Proben ist klar, dass sie zusammen Außerordentliches darstellen würden. Solche Harmoniegesänge hatte man bisher nur bei den Beatles gehört. Neil Young sagt später: Wenn wir gut waren, waren wir wirklich sehr gut.
Der Deal kommt zustande.
Fortan sind Crosby, Stills, Nash & Young eine Gelddruckmaschine. Das Quartett spielt beim Woodstock-Festival und gilt als Konzertattraktion schlechthin. Ihr Album „Déjà vu“, veröffentlicht im März 1970, also zwei Monate vor den Schüssen an der Kent State University, erreicht Platz eins der Charts in den U.S.A., Kanada und Australien.
Ich habe mich nie wirklich als Aktivist gesehen. Ich möchte nur eine Stimme haben
, schreibt Neil Young in seiner 2012 erschienenen Autobiographie. Genau diese Stimme erhebt Young am 19. Mai 1970, als er sich zusammen mit David Crosby in Pescadero, Kalifornien, aufhält und im Life-Magazin die Bilder der erschossenen Studenten sieht. Neil Young packt seine Akustikgitarre und geht in den nahegelegenen Wald. Einige Stunden später kommt er zurück und spielt David Crosby „Ohio“ vor. Crosby ist erschüttert von der Wucht des Songs.
Bereits zwei Tage später, am 21. Mai 1970, treffen sich Crosby, Stills, Nash & Young im Record Plant Studio in Los Angeles und nehmen „Ohio“ auf. Schließlich werden das drei Minuten voller Wut, Empörung und Nie-mehr! Neil Youngs unversöhnliche Stimme, die anklagenden, schuldig sprechenden Gitarren, David Crosbys Ruf am Ende des Songs: How many more? Why?
Wieviele noch? Warum? – ein Lied wie aus einem Guss. Die ewig offene Rechnung.
Der Guardian wird „Ohio“ später als den größten Protestsong aller Zeiten
bezeichnen.
Crosby, Stills, Nash & Young nehmen die Single innerhalb von 24 Stunden auf. Zehn Tage später kommt sie auf den Markt. Die B-Seite ist das kurze, aber ebenfalls großartige „Find The Cost Of Freedom“, geschrieben von Stephen Stills.
Neil Young deutet in „Ohio“ mit dem Finger auf Präsident Nixon und seine Befehlsempfänger: Tin soldiers and Nixon coming
. Zinnsoldaten und Nixon kommen. Das ist den großen Radiostationen zu rebellisch, sie boykottieren das Lied. Den Mainstream-Sendern fehlt die Courage, sie gehorchen lieber der Regierung. Aber die kleinen Radiostationen im ganzen Land und das College-Radio spielen das Lied in der Endlosschleife. Wer will, kann „Ohio“ hören.
Crosby, Stills, Nash & Young haben ihre Stimme erhoben. Es ist eine laute. Nur darum ging es ihnen.
Was ist von der Gegenkultur geblieben?
Auf den ersten Blick hat „Ohio“ nichts verändert. Richard Nixon wurde 1972 mit großer Mehrheit als Präsident der Vereinigten Staaten wiedergewählt. Bis heute wurde keiner der Todesschützen des 4. Mai 1970 verurteilt, die Kommandeure und Befehlshaber an jenem Tag gingen mit militärischen Orden bestückt in den Ruhestand.
Nach zahllosen Prozessen der Hinterbliebenen und Verwundeten bekamen sie zusammen die lächerliche Summe von 675.000 Dollar zugesprochen. In einem Schreiben drückten die 28 Hauptbeschuldigten ihr Bedauern über die Tragödie aus. Wohlgemerkt: Ihr Bedauern. Zu einer Entschuldigung konnten sich James A. Rhodes und die Zinnsoldaten nicht herablassen.
Noch befremdlicher wirkt, was aus den Musikern selbst geworden ist. Sie haben sich vom Establishment vereinnahmen lassen. Der mittlerweile verstorbene David Crosby nannte in seiner Rolling-Stone-Kolumne diejenigen, die sich gegen die Corona-Impfung entschieden hatten, „Idioten“. Auch Neil Young rief zur Impfung auf. Außerdem hat er die Rechte an der Hälfte seiner Songs an einen Fonds verkauft, der in London an der Börse gehandelt wird. Das soll ihm 150 Millionen Dollar eingebracht haben. Der Kompromisslose ist nicht mehr kompromisslos.
Aber „Was war, was ist“ – dieser Vergleich ist beim Protest falsch. Der Protest kennt nur das Jetzt. Deshalb hat „Ohio“ nichts von seiner Größe verloren. Graham Nash sagte in einem Interview:
Wir haben mit der Veröffentlichung von ‚Ohio‘ einige Regeln des Musikbusiness‘ gebrochen, aber das war uns gleichgültig. Wir waren wütend. Jetzt! Die Jugendlichen waren wütend. Jetzt! Sie haben unsere Kinder getötet, das mussten wir herausschreien. Jetzt!
Dasselbe gilt für das, was heute in der Welt geschieht. Morgen zählt nicht, morgen kann alles anders sein. Protest gegen Krieg und Willkür, gegen Lügen und Unrecht ist wichtig und richtig. Jetzt!
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