
Dir wird geholfen
Die verloren geglaubte Herzenswärme zeigt sich manchmal in den alltäglichen Situationen, dort, wo wir sie am wenigsten erwarten würden.
Nicht erst seit zweieinhalb Jahren wirken die Herzen der Menschen wie versteinert. Das Pochen der Ellenbogen erscheint kräftiger als das der Herzen. Wo ist die Menschlichkeit hin, fragen sich viele dieser Tage. Doch es gibt sie noch, diese raren und kostbaren Momente. Die Momente, in denen sich zeigt, dass unter den Brustkörben der Menschen das Herz noch für mehr klopft als nur für die Aufrechterhaltung der lebenswichtigen Körperfunktionen. Jens Lehrich wurde kürzlich in einem Biomarkt von einem solchen Moment nicht nur Zeuge, sondern von diesem emotional vollständig ergriffen. Aus diesem schon nahezu magischen Augenblick schöpfte er einen Beitrag für die Friedensnoten.
In einer Kassenschlange bei Alnatura anzustehen, ist gefühlte Zeitverschwendung. Ähnlich verhält es sich mit dem Stau auf der A7 vor dem Elbtunnel oder einem zähen Elternabend in der Schule, der einfach nicht enden will. Anders an diesem späten Nachmittag Ende Oktober in Hamburg. Meine Frau und ich haben uns für Kasse 2 entschieden und nur einen Wunsch: Schnellstmöglich nach Hause.
In diesem Augenblick drängelt sich ein Mann Anfang 40 an uns vorbei und legt seine Einkäufe auf das Rollband. Er dreht sich nicht um, er hat einen starren Blick. Wir lassen ihn einfach
, zieht meine Frau mich am Ärmel, und auch mir ist sofort klar, dass dieser Mensch ein größeres gesundheitliches Problem hat. Er zittert am ganzen Körper, wirkt völlig orientierungslos und abwesend. Als der Kassierer ihm die Summe nennt, greift er wie ferngesteuert in seine Hosentasche und holt etwas Kleingeld heraus, um zu bezahlen. Der Kassierer schüttelt den Kopf und macht den Kunden darauf aufmerksam, dass noch etwas fehle. Ich verstehe „1 Euro 50“ und hole ein 2-Euro-Stück aus meinem Portemonnaie und gebe es in Richtung Kasse.
Noch einmal schüttelt der ruhige und freundliche Kassierer den Kopf und deutet an, dass auch das nicht reiche. Erst jetzt sehe ich auf dem Kassendisplay die Summe von 7 Euro 56 und frage meine Frau, ob sie noch weiteres Kleingeld bei sich habe. Von weiter hinten kommt in diesem Augenblick ein älterer Herr nach vorne geeilt und zeigt seine Hilfsbereitschaft. Direkt neben mir steht jetzt ein Mann, der ebenfalls in seinem Portemonnaie nach Euromünzen sucht und freundlich anmerkt:
In dieser Schlange steht ja wohl genug Geld, um helfen zu können.
Ich bekomme Gänsehaut. Selten habe ich in den vergangenen Monaten einen so intensiven Moment von Mitmenschlichkeit unter Fremden erfahren. Die unterdessen herbeigerufene Chefkassiererin von Alnatura nimmt den Einkauf auf ihre Kappe, und sogar ich bekomme meine 2 Euro zurück.
Das Ahrtal hat es auf beeindruckende Art und Weise im Großen gezeigt, wie Menschen füreinander einstehen. Die Szene bei Alnatura im ganz Kleinen. Mitmenschlichkeit ist überall. In jedem von uns. Auch in der größten Krise aller Zeiten. Das gibt mir Hoffnung, dass die Dystopien mit ihren Weltuntergangsprognosen falsch liegen. Es ist sicher noch ein schmerzlicher Weg zum friedlichen Wandel, aber wir können ihn abkürzen. Es kommt auf jeden Einzelnen von uns an. Auf jedes einzelne Herz.
