Friedensnoten
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Klänge gegen Kanonen
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Klänge gegen Kanonen

Der Song „Three Five Zero Zero“ aus dem Musical „Hair“ inszeniert in einem utopischen Szenario Musik als konstruktive Gegenkraft zum Militär.

Oskar Mazerath brachte in Günter Grass’ Roman eine Militärkapelle mit seiner kleinen Blechtrommel aus dem Rhythmus. Und der belgische Sänger Jacques Brel behauptete, „nichts als ein Chanson“ könne die Kriegstrommeln besiegen. Auch in dem berühmten Musical „Hair“ von 1968, das als kultureller Protest gegen den Vietnamkrieg gelten kann, gibt es eine Szene, in der Musik aus dem Lautsprecher eine schon angetretene Militärformation in arge Verwirrung stürzt. Zeugt diese Inszenierung nur von realitätsfernem Idealismus? Oder kann Musik wirklich die Sonne hereinkommen lassen, wenn sich der politische Horizont verdunkelt hat? Das Musical und seine Verfilmung durch Miloš Forman inspirieren jedenfalls bis heute. Sicher ist: Wenn Künstler bei extremen Angriffen auf Frieden und Freiheit wie in den letzten drei Jahren offenbar ein Schweigegelübde abgelegt haben, sind sie nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems.

Erschienen
27. Mai 2023
Lesezeit
ca. 6 Min.
Song
3-5-0-0
Album
Hair, 1979

Aufgerissen durch Metallexplosionen
Gefangen im Stacheldraht
Feuerball

Slap-Bass und Snare-Drum knallen wie Peitschenhiebe, der Funk-Beat schreitet im Gleichschritt der Soldaten. Die verzerrte Gitarre trudelt wie eine Alarmsirene oder eine Rakete von rechts nach links durch den Stereo-Raum. Dieses akustische Spektakel dröhnt überraschend aus einem großen Lautsprecher, während ein General seine Soldaten auf den Krieg einschwört – den Vietnamkrieg. Sie sind nur eine Masse für ihn, die bewegt und dirigiert werden muss. Wegen des Krachs aus dem Lautsprecher muss der General seine Rede unterbrechen; er kocht vor Wut, während seine Untergebenen vergeblich versuchen, die laute Musik abzustellen. Die Soldaten feixen, ihre Disziplin scheint sich plötzlich in Nichts aufzulösen.

Es ist eine Schlüsselszene im 1967 erschienenen Rock-Musical „Hair“, das Miloš Forman 1979 sehr eindrücklich verfilmte. Sie zeigt, was passiert, wenn Befehlshabern die Kontrolle entgleitet und Soldaten erfahren, was ihnen im Krieg wirklich bevorstehen wird.

Schießt auf die Muskeln
256 Vietcong gefangen genommen

Das „Hair“-Musical hat einige Textphrasen dem sehr langen Gedicht „Wichita Vortex Sutra“ von Allen Ginsberg entnommen, der den Vietnamkrieg deutlich kritisiert. Angeblich sprach Ginsberg den Text spontan in ein Tonbandgerät, während er in einem VW-Bus durch Wichita fuhr und seiner Wut über den Krieg freien Lauf ließ. Ob er von den Machern des „Hair“-Musicals für die Textzeilen honoriert wurde, ist nicht überliefert.

Die Zahl 3550 bietet jedenfalls viel Stoff für Spekulationen: Manche behaupten, das sei die Zahl der toten GIs pro Woche – oder pro Monat? Wer weiß das schon?

3500 ist aber auch die Zahl der US-Marines, die 1965 die bereits in Vietnam stationierten 23.000 Amerikaner verstärkten und den Krieg so weiter eskalierten. Wieder andere vermuten eine Parallele zu einer im Vietnamkrieg verwendeten Waffe, die eine maximale Reichweite von 3.500 Metern hatte. Vielleicht am wahrscheinlichsten ist die These, dass hier 3.446 gelynchte Schwarze gemeint sind, die zwischen 1882 und 1968 den Tod fanden. Rassismus und Krieg sind eben einfach nur zwei unterschiedliche Ausprägungen eines menschlichen Grundübels, nämlich Auseinandersetzungen nicht auf diplomatischem Weg lösen zu können oder zu wollen.

Ich hörte diesen Song das erste Mal kurz vor meiner Gerichtsverhandlung als Kriegsdienstverweigerer, wo ich mir auch wie in einem Film vorkam. Dort musste ich Fragen beantworten wie zum Beispiel die, was ich tun würde, wenn ein Russe nachts im Park meine Freundin vergewaltigen würde und ich eine Waffe bei mir hätte. Und ob es denn kein Problem für mich sei, dass ich mich als Kriegsdienstverweigerer in der Minderheit befände. Ich verstand diese letzte Frage nicht einmal – vielleicht war ich aber angesichts dieser skurrilen Szene auch nur in Gedanken bei dem Lied „Three Five Zero Zero“, das sich nach den Stakkato-Funkbeats zu einem swingenden Gospel wandelt und sich nun ironisch lustig zu machen scheint über das Kriegsgeschäft. Die Kraft der vielen Kehlen scheint uns zu sagen: Wir können den Wahnsinn beenden, wenn wir nur zahlreich genug sind.

Gefangene in Niggertown
Es ist ein schmutziger kleiner Krieg
3-5-0-0
Nehmt die Waffen und beginnt das Töten

Three Five Zero Zero – es gibt kaum einen Krieg, in dem sich nicht eine Zahl wie diese finden lässt. In Afghanistan starben 3.500 ausländische Soldaten, insgesamt gab es über eine halbe Million Tote. Im Irakkrieg wurden allein im Jahr 2006 gemäß den Vereinten Nationen 35.000 Zivilisten getötet, der gesamte Krieg forderte laut einer _Lancet_-Studie 655.000 zivile Opfer:

Six Five Five
Zero Zero Zero.

Oder der Jemen: Dort sind seit 2014 etwa 350.000 Menschen durch den Krieg gestorben.

Wegen der Kriegspropaganda auf beiden Seiten sind darüber keine verlässlichen Zahlen zu finden, eine Verhundertfachung der Opferzahlen ist aber nicht unrealistisch.

Das über 50 Jahre alte Lied ist also unverändert relevant in einer Zeit, in der allein die USA bereits 2,5 Milliarden Dollar in die Rüstung investieren – und zwar täglich!

Two Five
Zero Zero Zero
Zero Zero Zero
Zero Zero Zero.

Bereits während meiner Zivildienstzeit hatte die Menschheit genug Waffen angesammelt, um sich selbst mehrfach auszulöschen. Ich will nicht wissen, wie oft wir uns heute, also 45 Jahre später, komplett ausradieren könnten. Das ohnehin fragwürdige Konzept der militärischen Abschreckung ist komplett aus den Fugen geraten. Diese scheint ebenso entfesselt wie die Partei der Grünen, die sich ursprünglich, als ich wegen meiner Kriegsdienstverweigerung vor Gericht saß, aus der Friedensbewegung entwickelte. Ich gestehe – ich stand mit ihnen auf der Straße, als die Grünen zu Zeiten von Petra Kelly die Auflösung der West- und Ost-Militärblöcke forderten und die deutsche NATO-Mitgliedschaft ablehnten. Ich spielte damals mit dem Gedanken, der Partei der Grünen beizutreten.

Spätestens in den Neunzigerjahren hatte die einstige Friedenspartei jedoch ihre pazifistische Unschuld verloren, als Daniel Cohn-Bendit den Militäreinsatz in Sarajevo forderte und sich Deutschland unter Außenminister Joschka Fischer sowohl am Kosovo- als auch am Afghanistankrieg beteiligte. Es bleibt ein Rätsel, wie sich die Grünen bei einstigen Parteithemen wie Pazifismus, Selbstbestimmung oder Ablehnung von Gentechnik um 180 Grad drehen konnten, ohne auseinanderzubrechen: Keine andere Partei treibt derzeit so sehr zum Krieg an und hetzte so sehr gegen COVID-Ungeimpfte, die man zur Einnahme von gentechnischen Therapeutika zwingen wollte. Wie soll Frieden entstehen und bestehen in einer Gesellschaft ohne Toleranz, Empathie und individuelle Freiheit?

Im „Hair“-Film wird die subversiv wirkende Musik martialisch zum Schweigen gebracht: Militärpolizisten feuern so lange auf den Lautsprecher, bis er zerfetzt vom Mast fällt. Die Musik stirbt im Kugelhagel.

Als seit 30 Jahren tätiger Musikjournalist vermisse ich eure Stimmen schmerzlich. Wo seid ihr?

Hören & Sehen

Erstmals veröffentlicht auf Manova www.manova.news/artikel/klange-gegen-kanonen

Audiofassung dieses Beitrags

Das Lied im Original