Friedensnoten
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Trotzdem aufrecht gehen
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Trotzdem aufrecht gehen

Kayvan Soufi-Siavash empfiehlt ein Lied von Marvin Gaye aus der Zeit von Vietnamkrieg und Rassendiskriminierung um 1970 — eine Blaupause für heutige Zustände.

Ans andere Ende der Welt zu fliegen, um durch die Hölle zu gehen, unbekannte Menschen zu töten und vielleicht dabei zu sterben — es ist eine reichlich absurde Handlungsweise, zu der man Menschen nur sehr schwer bewegen kann. Sollte man meinen. Und doch hat die US-Regierung der frühen 70er-Jahre dies vielen „ihrer“ männlichen Bürger angetan. Ein Beispiel dafür, mit welcher Skrupellosigkeit und Brutalität Machtapparate oft in das Leben der ihnen Unterworfenen eingreifen. Noch absurder war die Situation für viele Schwarze, die jene „Werte“, die in der Heimat systematisch mit Füßen getreten wurden, nun im Ausland mit ihrem Leben verteidigen sollten. Viele weigerten sich … Kayvan Soufi-Siavash leistet hier mehr als eine Liedinterpretation. Er beleuchtet ausführlich, wie Kriegspropaganda, Polizeigewalt und die Diskriminierung von Bevölkerungsgruppen das gesellschaftliche Klima in einem Land vergiften können — damals wie heute. Und er porträtiert einen Künstler, der in einem Umfeld verbreiteter Feigheit vor der Regierung den Mut fand, seine eigene Wahrheit auszusprechen.

Erschienen
29. April 2023
Lesezeit
ca. 10 Min.
Song
What's Going On
Interpret
Marvin Gaye

Wir schreiben das Jahr 1970. In den USA herrscht chronisch rohe Gewalt auf den Straßen. Die Polizei geht mit maximaler Brutalität gegen jeden vor, der sich öffentlich gegen den Vietnamkrieg ausspricht.

Massendemonstrationen werden mit berittener Polizei, Schlagstöcken und reichlich Blei aufgelöst. Die Staatspresse tritt die Friedensbewegung pauschal in den Staub. Wer sich kritisch mit einer Politik der Konfrontation auseinandersetzt, wer die Rüstungsindustrie als Treiber des Krieges erkennt und benennt, wird zum Kommunisten gestempelt, um ihn als Staatsfeind den von den Medien aufgehetzten Massen zum Fraß vorzuwerfen.

Dennoch waren Menschen, welche sich der Propaganda widersetzen, die Lieblingszielscheibe des Staates und seiner durch Geheimdienste infiltrierten Presse. Das ganze Land glich damals einem Kessel, dessen Deckel permanent vom Topf sprang, da der politische Druck zu hoch war.

Einer der Gründe war neben dem Vietnamkrieg der andauernde Rassismus gegen Afroamerikaner. Wer diese Tatsache aussprach und bei den Massen Gehör fand, lebte gefährlich und wurde mit dem Gewehr zum Schweigen gebracht.

Malcom X traf es schon 1965. Drei Jahre später wurde Martin Luther King durch Kugeln ermordet. Ereignisse wie diese hatten den gesellschaftlichen Graben innerhalb der USA extrem vertieft. Schwarze und weiße Bürger hatten regelrecht Angst voreinander und dienten so dem Machterhalt der oberen Zehntausend.

Statt Versöhnung und Aufklärung, sprich „Heile und Hershe“, kam „Teile und Herrsche“ zum Einsatz. Diese Methode der Zersetzung war alles andere als originell oder unbekannt, und dennoch funktionierte sie – damals wie heute.

Eine weitere Ähnlichkeit zwischen damals und heute ist die Bereitschaft des sogenannten Bildungsbürgers, den durch die gelenkte Presse diktierten Zeitgeist zu akzeptieren und fortan den Befehlen von ganz oben zu folgen. Wenn es sein muss, auf allen vieren: Kriechen statt Rückgrat.

Sportler oder Künstler, die bereit waren, ihre Karriere zu riskieren, indem sie laut aussprachen, was sie dachten, waren auch in den 1960er Jahren extrem selten.

Einer von ihnen hatte eben seinen „Sklavennamen“ abgelegt. Aus Cassius Clay wird über Nacht Muhammad Ali. Als Ali nach Vietnam eingezogen werden soll, weigert er sich und atmet lieber für Jahre gesiebte Luft. Alis Begründung brachte es auf den Punkt: „Ich habe keinen Streit mit dem Vietcong. Kein Vietcong hat mich jemals Nigger genannt.“

Der Weltklasse-Boxer hatte erkannt, dass es absurd wäre, im Ausland, also in Vietnam, offiziell für jene Bürgerrechte zu kämpfen, die einem schwarzen US-Amerikaner regelmäßig und automatisch aberkannt wurden, sobald er sich innerhalb der Grenzen der USA befand. Ganz egal ob in Zivil oder Uniform.

Ein weiter Kandidat, den es anwiderte, dass die USA bereit waren, Napalm und Agent Orange auch gegen die Zivilbevölkerung Vietnams einzusetzen, um ihre imperialen Ziele durchzusetzen, während sie offiziell vom Ende des Krieges faselten, war Marvin Gaye.

Gaye war spätestens seit Mitte der 60er Jahre ein Superstar, wenn es um schwarzen Schnulzen-Pop ging. Seine Platten verkauften sich wie Hamburger mit Pommes & Cola. Bedingung: Sie mussten dem schwarzen Publikum die Möglichkeit geben, zumindest musikalisch ihrem von Rassismus geprägten Alltag zu entfliehen.

Seit Gaye 1966 „I Heard It Through The Grapevine“ veröffentlichte hatte, wohnte er im Pop-Olymp. Er war ein Vorbild seiner Generation. Er hatte es geschafft, sich mit Geld in eine Bubble vermögender Afroamerikaner vor dem Willkürstaat in Sicherheit zu bringen.

„I Heard It Through The Grapevine“ ist zudem die erfolgreichste Scheibe, die sein Label Motown bis dato veröffentlicht hatte. Marvin Gaye hatte sich zum Goldesel entwickelt. Alle waren high von diesem Erfolg. Doch für Marvin Gaye hatte dieser Erfolg längst seinen Glanz verloren.

Seine Freundin Tammi Terrell, mit der er zwischen 1967 und 1969 diverse Duette bei Motown eingesungen hatte, war 1970 einer Hirn-Operation erlegen. Gaye hielt die Grabrede und musste dabei immer wieder abbrechen, um nicht die Fassung zu verlieren.

Das Verhältnis des Sängers zu seinem Vater, einem Mann der Kirche, galt als extrem angespannt, und Marvins Bruder diente in Vietnam. Der machte gegenüber seinem Star-Bruder keinen Hehl daraus, was die USA in diesem Krieg dem vietnamesischen Volk antun und wie seine Kameraden an der Front verheizt werden. Ihr durchschnittliches Alter lag damals bei 19. Zum Vergleich: Die GIs im Zweiten Weltkrieg waren im Schnitt 26, als sie an die Front mussten.

Marvin Gaye lässt das alles nicht kalt. Anders als viele seiner Motown-Kollegen weigert er sich, dem Label-Chef Berry Gordy das längst überfällige nächste Herzschmerz-Album auf den Tisch zu legen.

Der ruft daraufhin in immer kürzeren Abständen bei Mr. Gaye an, tobt und droht mit Anwälten und Schadensersatzansprüchen. Doch Marvin Gaye dröhnt sich lieber die Birne weg, als Stoff zu liefern, den er nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren kann.

Marvin Gaye wendet sich an die Motown-Hausband, die Funk Brothers, und nimmt ohne das Wissen von Label-Boss Berry Gordy den Track „What’s Going On“ auf. Der Titel ist Programm.

Als Berry Gordy diesen Song, seine Melancholie und den dazu aufrüttelnden politischen Text hört, ist er entsetzt. Wie würden die Millionen Fans reagieren, wenn ihr musikalischer Herzensbrecher plötzlich wie der tieftraurige Chef-Ankläger des amerikanischen Establishments klingt?

Die Fans würden sich entsetzt abwenden, und Motown würden Millionen von Dollars durch die Lappen gehen, davon ist Gordy überzeugt.

Gordy nimmt kein Blatt vor den Mund und sagt daher über „What’s Going On“: „Das ist die schlechteste Platte, die ich je gehört habe.“ Sieben ganze Monate hört er daraufhin nichts mehr von seiner „Cash Cow“ Marvin Gaye.

Dann gelangt die bis dato unveröffentlichte Platte an einen Radio-DJ aus Los Angeles. Drei Minuten und 50 Sekunden später ist die Welt für Gaye nicht mehr dieselbe. Die Radiohörer sind vollkommen aus dem Häuschen. Sie sind tief ergriffen und positiv überrascht von der Botschaft ihres Stars. Sie wollen mehr davon. Der Track schießt über Nacht auf Platz 2 der Pop-Charts.

Cash und Konfrontation scheinen sich nicht auszuschließen, erkennt Gaye. Sein Boss Gordy lenkt daraufhin ein und lässt seinem Star freie Hand.

Marvin Gaye wird daraufhin der erste schwarze US-Amerikaner, der ein Konzeptalbum aufnimmt.

Auch hat er zum ersten Mal die vollkommene künstlerische Freiheit und bedankt sich dafür bei der Hausband des Labels, indem er die Funk Brothers explizit in den Credits erwähnt, ebenfalls ein Novum bei Motown.

Das Album „What’s Going On“ mit seinen neun Titeln erscheint am 21. Mai 1971 und beinhaltete einen Meilenstein nach dem anderen. Wir finden dort unter anderem „Right On“, „What’s Happening Brother“, „Save The Children“, „God Is Love“ und „Inner City Blues“.

„What’s Going On“ ist mehr als ein extrem erfolgreiches psychedelisches Popalbum. Es handelt sich um eine Art gesungenen und zum Teil gesprochenen Appell an unser aller Menschlichkeit, ein Bekenntnis zu Gott. Es ist weniger ein Stück Musikgeschichte denn ein Gebet Gayes mit sich und seinem Schöpfer – nur dass die Bandmaschine im Hintergrund mitlief.

Es geht nicht, wie sonst bei Marvin Gaye üblich, um Sex, Zärtlichkeit, Liebe und das leichte Leben. Auf „What’s Going On“ geht es ausschließlich um Ungerechtigkeit, Armut und ein Leben in der Ausweglosigkeit: den amerikanischen Albtraum.

Marvin Gaye besingt die Brutalität des Krieges aus dem Blickwinkel der vom Vietnamkrieg Betroffenen: Die Flucht in Drogen, um das Überlebte zu vergessen.

Die Gefühle derer, die ihre Kinder in den Krieg schicken müssen und dort verlieren.

„What’s Going On“ ist nicht nur für Marvin Gaye eine musikalische Revolution. Die Platte beeinflusst im Anschluss eine ganze Generation von Kriegsgegnern und Kapitalismuskritikern. Sie wird zum Soundtrack aller, die sich der Friedensbewegung zugehörig fühlen oder den Rassismus in den USA als beschämend und niederträchtig empfinden.

Das Album ist auch mehr als eine Aneinanderreihung wahrhaftiger und tieftrauriger Songs gegen Bigotterie, Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Krieg.

Corona-Kritiker hören diese Platte heute.

Du sollst nicht lügen, aber du sollst auch nicht schweigen, wenn Dritte es in deinem Namen tun. Wenn man erkennt, wie das gesamte Umfeld mit dem Kriechen beginnt, soll man den aufrechten Gang zelebrieren und laut rufen „Seht her, hier stehe ich!“ Wenn die Regierung den Krieg als alternativlos verkauft, soll man sich, so laut es geht, für den Frieden einsetzen. Wer den Frieden will, muss den Frieden vorbereiten – nicht den Krieg.

Dieses 1971 erschienene Album von Marvin Gaye ist eine Platte, die ich mir unzählige Male angehört habe und die ich immer und immer wieder in diverse meiner Playlists integriere.

Jeder Track hilft mir dabei, nicht vom Kurs abzukommen. Und der Kurs richtet sich nicht nach dem Zeitgeist, sondern nach dem, was man Wahrhaftigkeit nennt. Die Wahrhaftigkeit orientiert sich an der Wahrheit – und die ist immer konkret. Man darf die Wahrheit nicht mit der Mehrheit verwechseln.

Marvin Gaye war nicht seiner Zeit voraus. Er war 1971 auf einer völlig anderen Ebene, nämlich einer spirituellen. Es ging nicht darum, eine Schaffenskrise zu überwinden. Es ging um die grundsätzliche Frage nach Haltung, nach Sinn und Unsinn des Lebens:

Um was geht es für den Menschen auf diesem Planeten? Und wer wird ihm antworten, wenn er vollkommen isoliert am Boden liegt? Wer ist noch da, wenn keiner mehr da ist?

In Zeiten wie diesen ist „What’s Going On“ wichtiger denn je. Fragen Sie nicht ihren Arzt oder Apotheker. Hören Sie das Werk von Gaye aus dem Jahre 1971. Mehr kann kein Medikament für Ihr Immunsystem tun. Die einzige Nebenwirkung, die ich bei mir selbst beobachten konnte, war eine sich einstellende Gelassenheit und der Entschluss, weiter hart, aber ehrlich, am Wind der Wahrheit zu segeln und niemals das Ziel aus den Augen zu verlieren.

Marvin Gaye hat 1971 mit „What’s Going On“ den inneren Seeweg zu Gott entdeckt.

Hören & Sehen

Erstmals veröffentlicht auf Manova www.manova.news/artikel/trotzdem-aufrecht-gehen

Audiofassung dieses Beitrags

Das Lied im Original

Zum Video auf YouTube youtu.be/H-kA3UtBj4M