
Wacht auf
Der Weckruf des Soulsängers Teddy Pendergrass hallt bis heute nach.
Vereinigte Staaten von Amerika, 1975. Gerald Ford, ein Republikaner, steht als Präsident an der Spitze des Landes. Ford ist bis heute der einzige Präsident der USA, der nicht in sein Amt gewählt wurde. Richard Nixon, sein Vorgänger, der wegen der Watergate-Affäre zurückgetreten ist, hat ihn ernannt. Kaum vereidigt, erlässt Ford eine Amnestie für Nixon. Korruption und politischer Filz damals wie heute.
Die schwarze Bevölkerung erlebt auch nach Aufhebung der Rassentrennung anhaltende Diskriminierung. Die Politik schürt den Hass, sie spaltet. Zuversicht finden die Schwarzen in ihrer Musik. Soul-Mastermind Andreas Engl, der in München in der McGraw-Kaserne von schwarzen GIs in die Soulmusik eingeweiht wurde, porträtiert mit Teddy Pendergrass einen Künstler, der vielen Menschen den Halt gab, den er im Leben selbst nie fand.
Die Radiostationen der schwarzen Bevölkerung sind Mitte der Siebzigerjahre mehr als nur Unterhaltungssender, sie sind die Stimme einer Gemeinschaft, die weiterhin mit Anfeindung und Ausgrenzung konfrontiert wird. Dazu kommt das unmittelbare Trauma Vietnam.
Die Vielfalt der Musik und die bewusste Ausrichtung auf die Bedürfnisse der schwarzen Gemeinschaft machen das Black Radio zu einem kraftvollen Instrument des sozialen Wandels. Philadelphia International Records prägt den Soul der damaligen Zeit; das Label hat unter anderem Harold Melvin & The Blue Notes unter Vertrag. Deren Sänger Teddy Pendergrass beeindruckt durch seine Stimme und sein Charisma. „Wake Up Everybody“ erscheint im November 1975 und ist der Titelsong des gleichnamigen Albums.
Teddy Pendergrass‘ Weg in die Musik ist vorgezeichnet: Seine Mutter tritt als Sängerin in Nachtclubs auf, er selbst verschreibt sich bereits als Kind dem Gospel und singt mit Hingabe in den Kirchenchören Philadelphias. 1969 holt ihn Harold Melvin als Schlagzeuger zu den Blue Notes, wenig später macht er ihn zum Lead-Sänger der Band.
Die Songwriter erkennen Pendergrass‘ Strahlkraft und schreiben ihm die Hits auf den Leib. Er interpretiert die Lieder wie kein anderer und begeistert mit seinem Bariton Millionen. Die Medien sprechen vom „Black Elvis“.
Mit Teddy Pendergrass als Frontmann erleben Harold Melvin & The Blue Notes ihre erfolgreichste Zeit. 1976 verlässt Pendergrass jedoch die Band aufgrund finanzieller Streitigkeiten. Er beginnt eine Solokarriere, die ebenso erfolgreich verläuft.
Doch dieser Mann, der mit seiner Musik so vielen Menschen in bedrängter Zeit Kraft gibt und sie ermutigt, aufzustehen, erlebt abseits der Bühne viel Schatten.
Teddy Pendergrass ist noch ein halbes Kind, als sein Vater ermordet wird. 1977, auf dem Höhepunkt seines Ruhms, wird Pendergrass‘ Lebensgefährtin und Managerin vor ihrem Haus erschossen. Die Spur führt zur Black Mafia. Dann sind da fortwährend die Drogen, der Alkohol, seine Sucht nach Sex und die ständigen Konflikte mit der Polizei.
Aber das Schicksal schlägt noch härter zu. Im März 1982 ist Pendergrass mit seinem Rolls-Royce nordwestlich von Philadelphia unterwegs, als die Bremsen versagen. Der Wagen kommt von der Fahrbahn ab und prallt gegen zwei Bäume. Teddy Pendergrass ist von diesem Tag an gelähmt und verbringt den Rest seines Lebens im Rollstuhl. Es gibt Gerüchte, wonach die Bremsen seines Rolls-Royce manipuliert waren.
Doch Teddy Pendergrass resigniert nicht. In einem Interview sagt er:
Man kann aufgeben und aufhören, oder man kann weitermachen. Ich habe mich entschieden, weiterzumachen.
Nur zwei Jahre nach dem Unfall veröffentlicht er ein neues Album und kehrt 1985 im Rahmen des Live-Aid-Konzerts in seiner Heimatstadt Philadelphia an der Seite von Ashford & Simpson auf die Bühne zurück. Es ist ein emotionales, ergreifendes Comeback vor 100.000 Zuschauern im John F. Kennedy Stadium und über einer Milliarde an den Bildschirmen.
Pendergrass nimmt danach weitere Alben auf, ehe er sich 2007 aus dem Musikbusiness zurückzieht. Der Körper will nicht mehr. Zwei Jahre später diagnostizieren die Ärzte Darmkrebs. Zahlreiche Krankenhausaufenthalte folgen, am Ende versagen seine Atemorgane.
Teddy Pendergrass stirbt am 13. Januar 2010, er ist 59 Jahre alt.
„Wake Up Everybody“ – oft gecovert, nie erreicht – hat nichts von seiner Aktualität verloren. Im Gegenteil: Es liegt so vieles im Argen. The world won’t get no better if we just let it be.
Die Menschen müssen auch heute wachgerüttelt werden, damit sie erkennen und verstehen. Dafür braucht es die Kunst – und Künstler wie damals Teddy Pendergrass.
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